Zazenkai in Bosnien

von GastautorIn (Kommentare: 0)

Erinnerungen… Wir haben sie alle. Gute, schlechte. Früher haben wir sie in Fotoalben bewahrt, heute auf Harddisks. Wir haben kleinere oder grössere Sammlungen von Dingen, Eintrittskarten, Steinen, Federn, Souvenirs. Wir tragen Erinnerungen in unseren Herzen, in unseren Zellen. Unsere Erinnerungen formen unser Wahrnehmen, unser Verstehen der Welt. Und es gibt nicht nur ein persönliches Erinnern, wir erinnern auch gemeinsam und bestätigen so, wer wir sind, was uns wichtig ist.

Diese kollektive Dimension des Erinnerns ist in Bosnien sehr präsent. Fast jeden Tag ist irgendwo eine Gedenkfeier für Opfer eines Krieges. Des letzten sowieso, aber auch des 2. Weltkriegs. Und das gemeinsame Erinnern steht, so scheint es mir, allzu oft im Dienst eines nächsten Krieges. Die furchtbar, grausam Verstorbenen dürfen keine Ruhe finden, sollen weiter ihren Dienst tun und die Eigenen mahnen, erinnern, wer sie sind und vor allem wer ihre Feinde sind.

Im Versuch die Situation Bosniens zu verstehen, rückten diese Toten immer mehr ins Zentrum meines Fokus. Ich ahne, wie unmöglich es ist, Frieden zu schliessen mit Menschen, die meine Nächsten getötet haben. Vor allem, wenn dieses Töten in verschiedenen Rollenbesetzungen Jahrhunderte dauert. (Über das kollektive Bewusstsein das hinter dieser Deutung steht, sowohl im Opfer- als auch im Tätersein, gäbe es viel zu schreiben. In diesen Gedanken nehme ich es als Tatsache an.)

Und dann gibt es in den grossen Geschichten von Opfer- und Tätersein, die kleinen, die ganz persönlichen. Wenn ein Mitglied meiner Familie im Krieg gestorben ist, ermordet wurde, spielt es keine Rolle, ob das auf der Täter- oder Opferseite geschah. Im Gespräch mit einer Freundin, die ihren Bruder verloren hat, der als Soldat auf der als Täter identifizierten Seite gekämpft hat, wurde mir das besonders klar und die Idee des Hauses der Erinnerung wurde geboren.

Lasst uns einen Ort schaffen, wo Erinnerungen auf eine Art erinnert werden können, die Erinnernde und Erinnerte Ruhe finden lässt. Im Laufe der Jahre kam die Einsicht dazu, dass das Erzählen der eigenen Geschichte dazu gehört. Ich erzähle Dir MEINE Geschichte, mein Leiden, teile meine Wahrheit mit Dir. Es ist wunderbar für uns, dass Anna Gamma dieses Anliegen nicht nur verstanden, sondern auch aufgenommen hat. So gehört mittlerweile im Anschluss an das Zazenkai in Bosnien ein Abend, wo jemand seine Geschichte im Feld des Schweigens teilt. Die Resonanz aus dem Kreis in der Haltung „not knowing/bearing witness“ wirkt offensichtlich heilsam. Dieses Mal nun kam ein weiteres Element dazu: Wir weihten das Haus der Erinnerung ein. In einem restaurierten Getreidespeicher besteht nun die Möglichkeit, mit unserem Leiden verbundene Menschen (lebende und verstorbene) in einer Art zu erinnern, die Leben fördert und Frieden möglich macht. Wir ahnen erst, was nun möglich wird und auch als Aufgabe auf uns wartet.

Von Herzen Danke Euch, die Ihr (immer wieder) kommt, mit uns das Feld des Schweigens stärkt und hält und solche Schritte mit möglich macht.

Lena Jäggi Kosic

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