Stark machen!

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2016 veränderte sich mit der neuen Präsidentschaft die politische Lage auf den Philippinen dramatisch. Unter der Kampagne „war on drugs“ (Krieg den Drogen) werden Menschen als Drogendealer oder Drogenabhängige verdächtigt, verfolgt und ohne gerichtlichen Beschluss von Polizei und Bürgerwehren getötet. Menschenrechtsorganisationen sprechen davon, dass seit Amtsbeginn von Präsident Duterte 16‘000 Menschen umgebracht wurden. Die meisten kommen aus den Slums der grossen Städte, darunter viele unschuldig Verdächtigte, auch Frauen und Kinder, die ‚zufällig‘ in die Schusswechsel gerieten. Die hinterbliebenen Familien leiden gleich doppelt: oft fällt der einzige Ernährer der Familie aus, und sie erleben soziale Ächtung, wenn dem Toten unterstellt wird, Drogendealer oder -konsument zu sein, es dazu aber keine wirkliche Aufklärung gibt. Insbesondere die Kinder sind traumatisiert, weil sie häufig Zeugen der Tötung von Vater oder Bruder waren.

Es braucht ein hörendes Herz und einen wachen Geist, um die von aussen kommenden Signale aufzunehmen und zu deuten. Durch Zufall kamen Mitglieder der philippinischen Katharina Gruppe (KGP) mit einer Slum-Gemeinde in Quezon City in Kontakt, in der besonders viele Männer in kurzer Zeit Opfer von „aussergerichtlichen Tötungen“ wurden. Aus Scham und Angst hatten es die Hinterbliebenen vermieden, vor anderen über ihr Leid zu sprechen. Der Pfarrer und eine ehrenamtlich arbeitende Ärztin erfuhren von den Schicksalen. Kurz nach Weihnachten 2017 lud der Pfarrer neun betroffene Frauen mit ihren Kindern zu einem Gespräch mit einem Mitglied der KGP ein, um herauszufinden, welche Unterstützung für die Familien möglich ist. Erstmals erzählten Frauen und Kinder von ihren schrecklichen Erlebnissen, ihren Ängsten, dass die Polizei sie weiter verfolgen könnte, von ihren finanziellen Nöten und Existenzängsten. Schon die Erfahrung, nicht mehr allein zu sein, war eine grosse Entlastung. Es stellte sich heraus, dass sich die Mütter am meisten Unterstützung für die Ausbildung ihrer Kinder wünschten.

Inzwischen engagieren sich viele freiwillige Ärztinnen, Sozialarbeiter und Jugendarbeiterinnen in der Arbeit mit Betroffenen und Opfern der „war on drugs“ Kampagne. Sie unterstützen die Menschen ihre gesetzlich verbürgten Rechte einzufordern, z.B. die gerichtliche Aufklärung der Morde. Doch unter den neuen politischen Vorzeichen geraten immer mehr Menschenrechtsaktivisten selbst ins Visier der Ordnungskräfte und müssen um Leib und Leben fürchten. Die Helfer stehen unter vielfachem Druck, denn neben den politischen Repressalien ist die Arbeit mit den traumatisierten Menschen höchst anspruchsvoll. So entstand die Idee zu einem Schulungsprogramm zur Stressreduktion. Unsere Gemeinschaftsmitglieder Dr. Anna Gamma, Maria-Christina Eggers und Dr. Gabriele Geiger Stappel werden Anfang 2019 nach Manila fliegen und mit  25 Helfern ein Weiterbildungsseminar durchführen. Die Teilnehmenden sollen in ihrer persönlichen Resilienzfähigkeit gestärkt werden und auch spezielles know-how für den Umgang mit traumatisierten Menschen erwerben können.

Sie – liebe Leserinnen und Leser - spüren sicher, dass das neue Vorhaben eine vielschichtige Herausforderung ist, weil es neben der sozialen eine höchst politische Dimension beinhaltet.

Unser Anliegen ist es, Menschen stark zu machen. Tun wir dies gemeinsam!

(Zum Schutz vor Repressalien verzichten wir auf Namensnennungen)

Petra Brenig-Klein

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