MUSARA Philippines 2020

von Maria-Christina Eggers (Kommentare: 3)

Spuren...

Es war gegen Ende der 90-er Jahre, als wir C. kennenlernten. Eine junge Filipina, die ihr Universitätsstudium in Community Building abgeschlossen und schon Erfahrungen mit armen Landarbeitern gesammelt hatte. Sie kam, um uns in unserem Einsatz in Ibayo, einem Slum in Metro-Manila, zu unterstützen. C. brannte für die benachteiligten Menschen ihres Landes, für soziale Gerechtigkeit. Eine wertvolle Zusammenarbeit wuchs, während wir jährlich um die Weihnachtszeit mit einer Gruppe aus der Schweiz und Deutschland einige Wochen in Ibayo verbrachten. Die Beziehung vertiefte sich noch, als C. mit uns ein knappes Jahr in der Zentrale des Katharina-Werks in Basel verbrachte. Sie wurde Mitglied der Gemeinschaft. Später entstand in Manila eine eigenständige Katharina-Gruppe, wesentlich durch das starke Engagement von C. Der Kontakt riss seither nie ab.

Heute hat C. eine Anstellung im öffentlichen Leben, die für sie erfüllend, aber auch äusserst herausfordernd ist. Sie nimmt über Anrufe, Mails und in persönlichen Gesprächen Nöte aus der Bevölkerung auf. C. gibt Rat und bemüht sich wenn möglich, über ihr grosses Netzwerk eine Lösung zu finden.

Bisher ging es in den Anfragen vor allem um Auseinandersetzungen mit Behörden, um Betrug, Ungerechtigkeiten. Aber seit etwa zwei Jahren hat sich die Situation wesentlich verändert. Die Fragen und Nöte, die jetzt kommen, haben überwiegend politischen Hintergrund. Sie beziehen sich auf den sogenannten „Krieg gegen Drogen“ der diktatorischen Regierung. Staatlich verordnete aussergerichtliche Tötungen, willkürliche Verhaftungen, Einschüchterung bestimmen das Klima im Land. Nicht nur Drogensüchtige, vor allem in den Slums, müssen sich fürchten, sondern alle, die sich um die Betroffenen und ihre Familien kümmern. Sie landen als «Terroristen» auf schwarzen Listen, die veröffentlicht werden. Diese Menschen sind ihres Lebens nicht mehr sicher. Die Not, die so an C. herangetragen wird, ist immens, und ebenso ihre Aufgabe, Hilfe zu vermitteln. Dafür hat sie Kontakte geknüpft zu den verschiedenen Gruppierungen in ihrem Land, die sich unter Gefährdung ihres Lebens für die Betroffenen von Menschenrechtsverletzungen einsetzen.

Vor zwei Jahren schickte C. per e-mail einen Notruf an Anna Gamma: Diese Menschen, die sich so einsetzen, stehen vielfach vor dem Burnout, sind selber sekundär traumatisiert von den untragbaren Schicksalen, mit denen sie täglich konfrontiert sind. Anna antwortete darauf mit «MUSARA», einem Programm, das sie zusammen mit mir und anderen Fachleuten in der Schweiz entwickelt hat. Es besteht aus  meditativen, körperorientierten Übungen und Übungen aus der transpersonalen Psychologie zum Abbau von Stress und Aufbau von Resilienz. In einem früheren Blog haben wir darüber berichtet. So kam es zu einem ersten Workshop in Manila im Januar 2019.

Inzwischen hat sich die Situation in den Philippinen weiter verschärft. Es galt abzuwägen, ob wir den Workshop durchführen können oder ob die Teilnehmenden dadurch noch mehr gefährdet werden. Schliesslich stand fest: Er findet statt, am gleichen Ort wie vor einem Jahr. Auch der Ort unterstützt: ein liebevoll geführtes Zentrum in der satten Naturschönheit der philippinischen Provinz.

 Die Teilnehmenden sind 22 überwiegend junge Leute mit unterschiedlichem Hintergrund. Was sie verbindet ist ihr selbstloser und mutiger Einsatz für die Opfer von staatlicher Gewalt. Einige unter ihnen sind Rechtsanwältinnen und -anwälte. Sie gehen den gefahrvollen Weg, die Tötungen und Folterungen zu dokumentieren. Nur so haben Opfer irgendwann einmal die Chance, dass ihr Leiden formell anerkannt wird, moralisch und finanziell. Einige sind Studenten. Einer von Ihnen kümmert sich besonders um die Anliegen der verfolgten indigenen Bevölkerung der Insel Mindanao. Der Staat sucht Zugriff auf die Bodenschätze unter ihren Reservaten  und will Bildung verhindern. So wurden Schulen abgebrannt, Kinder und Eltern drangsaliert. 97 indigene Kinder aus Mindanao sind als Flüchtlinge auf dem Campus der Universität von Manila untergebracht. Zwei weitere Teilnehmende sind Sozialarbeiterinnen und vertreten mit ihrer NGO die Interessen der armen Landarbeiter in der Provinz. Eine von ihnen muss den Workshop frühzeitig verlassen. Sie hat die Aufgabe übernommen, für eine Kollegin ein neues Versteck zu suchen, nachdem dieser per Post ein Todesurteil zugestellt wurde. Und vier Menschen sind dabei, die selber in Armut leben und sich um die Kinder in ihrem Umfeld kümmern. Ein Kind hat ein Bild gemalt, ein Haus. «Da ist jemand drin», sagt es. «Aber da ist doch nur das Haus?» «Da drin versteckt sich jemand».

Ein Thema, das alle beschäftigt, sind die eigenen Gefühle. Wie umgehen mit Wut? Wie mit Schuldgefühlen, weil die Not viel grösser ist als die eigene Kapazität zu helfen? Oder auch mit der beunruhigenden Abwesenheit von Gefühlen: Nichts mehr spüren, nicht mehr mitfühlen können, den nächtlichen Albträumen ausgesetzt sein.
In einer unserer meditativen Übungen visualisieren wir ein Lagerfeuer. Wie sehen uns um das Feuer sitzen und lassen uns einhüllen und tragen von der Qualität dieses Feuers: Liebe, wohlige Wärme, Geborgenheit, Schutz. In einem zweiten Schritt können wir Namen nennen von Menschen, die wir einladen möchten, mit uns am Feuer zu sitzen. Im Anschluss an die Übung sagt einer der Teilnehmenden: «Ich habe mich gefragt, ob ich Präsident Duterte einladen soll. Ich habe mich nicht getraut.» Daraus ergibt sich eine angeregte Diskussion. Was ist mit den Tätern? Eine temperamentvolle junge Frau ruft aus: «Ich würde ihn in die Mitte einladen», und alle lachen, denn sie sind sich der Doppeldeutigkeit bewusst. Einerseits ist Aggression in der Bemerkung, ihn ins Feuer zu stossen. Andererseits ist es das Feuer bedingungsloser Liebe und damit auch ein Ort von Transformation.

Die Übungen in diesem Workshop, der anschliessende existentielle Austausch ermöglichen neue Erfahrungen. Heilend ist auch die Gemeinschaft und das Wissen: Ich bin nicht allein. Und nicht zuletzt: Gesehen werden. Da sind andere, die wissen, was vorgeht. Die sehen, wie meine Antwort darauf aussieht. Gesehen zu werden hilft den Anwesenden, sich selbst in einem milderen Licht wahrzunehmen. Ihr Einsatz ist ausserordentlich. «Self care», der liebevolle und achtsame Umgang mit sich selbst, wird immer wichtiger. Es ist ebenso ein Menschenrecht wie die Rechte der anderen, für die sie sich einsetzen.

Selber hatte ich das Privileg, fast zwei Monate mit C. und ihrer Familie leben zu dürfen. Ich bin berührt von der Freundlichkeit der Menschen und der Leichtigkeit, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Ich bewundere und geniesse ihre Geduld und Flexibilität, ihre Gelassenheit, ihre Kreativität, ihre Fähigkeit, aus dem Nichts ein Fest zu gestalten, Schönheit zu schaffen. Doch dann tun sich scheinbar aus dem Nichts ganz plötzlich Abgründe auf. Zusammen mit C. ein sonntäglicher Besuch auf dem Markt, um nach Weihnachtsgeschenken für die Nachbarn zu schauen. Da ist ein Stand, an dem eine junge Frau Karten verkauft, zur Unterstützung ihrer Familie. Die Eltern haben sie gestaltet. Beide sind im Gefängnis, angeklagt für Taten, die sie nicht begangen haben.  Jeden Sonntag bringt die Tochter ihnen Essen, in zwei weit auseinander liegende Gefängnisse. C. ist erschüttert:  Einmal mehr hat es ihre Freunde getroffen.

Zum Abschied versichern wir uns, dass wir diese Arbeit im nächsten Jahr fortsetzen werden. Sollte sich die Situation für die Menschenrechtsaktivist*innen weiter verschärfen, werden wir neue Wege finden, trotzdem zusammenzukommen.

PS: Zum Schutz der Teilnehmenden verzichten wir auf Bilder mit Menschen.

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Kommentar von Delia Herting |

Liebe Maria-Christina
Vielen Dank für den eindrücklichen und berührenden Bericht.

Kommentar von Regula Widmer-Kennel |

Liebe Maria Christina

Danke für dein Da-Sein, deinen Mut Hinzuschauen und mitfühlend die Welt zu umarmen.
Regula

Kommentar von Margaritha Gnägi |

Wie ist es möglich, dass Menschen aus ihrem Mensch Sein herausschleudern und ihr Mensch Sein nicht mehr spüren. - Gut, dass Du, Maria Christina den Menschen die darunter leiden beistehst und ihnen Hoffnung bringst, danke, Margaritha Gnägi