MUSARA Philippines 2

von Maria-Christina Eggers (Kommentare: 3)

Workshop

Es ist der 3. Januar 2019. Unsere philippinische Freundin Emma hat uns gebeten, für eine Gruppe von Menschen, mit denen sie unterwegs ist, einen Workshop zu halten. Eigentlich war es mehr als eine Bitte. Es war ein Hilfeschrei und Anna Gamma hat ihn aufgenommen.

Diejenigen, die eingeladen sind, arbeiten alle mit Opfern der staatlichen Willkür in diesem Land. Mit Frauen und Kindern, die zugegen waren, wenn ihr Vater, ihr Bruder, ihr Sohn auf der Strasse oder im Haus ermordet wurde. Mit willkürlichen Verhaftungen. Mit extremster Armut.

Zunächst schien es, dass es vor allem darum ging, diesen Menschen, überwiegend Frauen, Unterstützung darin zu geben, wie sie ihre Arbeit vertiefen können. Aber bald zeigte sich, dass sie selber mehr als dringend Hilfe brauchten, um nicht im Ozean der Not zu ertrinken.

Rita, in leitender Funktion dabei, zeigte im Vorfeld etwas Bedenken. Das seien alles Menschen, die sich als harte Aktivistinnen durchkämpften. Ob sie bereit wären, sich auf Stille, auf spirituelle Übungen, auf Selbstbegegnung einzulassen? Emma hatte in Manila keinen geeigneten Ort für unsere Zusammenkunft gefunden. Nun fuhren wir im Bus drei Stunden in die Provinz, zu einem ökologischen Zentrum, das noch keiner der Filippinas bekannt war. Ein Risiko.

Der Ort erwies sich als zauberhaft, liebevoll geführt, in einer überwältigend reichen, üppigen Natur. Ein Ort, der Heilung ausstrahlt. Und, um es vorweg zu nehmen: wir waren überwältigt von dem Mass an Heilung und Transformation, das in diesen Tagen geschehen konnte. Mit ihrer grossen Erfahrung und Achtsamkeit konnte Anna Gamma immer wieder die von uns gemeinsam vorbereiteten Übungen so einführen, dass sie die Sehnsucht nach Sinn, Tiefe und innerem Berührtsein wecken und nähren konnten. Für alle erschütternd, aber in wiederholten Schutz- und Lichtheilungsübungen gehalten, waren die Austauschrunden, die erst das volle Ausmass der Belastung zeigten. Für fast alle war es das erste Mal, dass sie über sich, ihre Bedrängnis in der Konfrontation mit soviel Not sprechen konnten, und es war eine Befreiung. Die Überforderung der 21jährigen Sozialarbeiterin, die in die Gefängnisse geht, die so überfüllt sind, dass die Gefangenen im Sitzen schlafen müssen. Ihr Herz, das ihr bricht im Kontakt mit dem alten Ehepaar, in zwei Gefängnissen, grundlos, die Frau 78, der Mann 80. Die erfahrene Menschenrechtlerin, die zusehen muss, wie eine Mutter den Verstand verliert, als ihre drei ermordeten Söhne ausgegraben werden, dort, wo man sie verscharrt hat. Für sie gibt es keinen Ort, keine Medizin, keine Betreuung, kein Geld.

Doch auch ganz persönlich leiden diese Frauen. Einige von ihnen leben in Slums. Eine hat in ihrer eigenen Familie über den Antidrogenkampf von der Regierung legitimierte Morde geliebte Menschen verloren. Eine steht unter ständigen Morddrohungen wegen ihres Einsatzes für die Opfer. Gefährdet sind alle.

Am Ende dieser drei Tage haben sich die Gesichter verändert. Sie sind weicher und heller geworden. Zum ersten Mal konnten Tränen fliessen. Auch das befreiende Lachen hatte Raum. Die Spielfreude, das kreative Gestalten von Etwas aus Nichts, das die Filippinos so gut können.

Zu den wichtigsten Ergebnissen dieser Tage zählt, dass die Frauen, die in drei verschiedenen NGO-Teams zusammenarbeiten, einen Zugang gefunden haben, einander zu stützen, indem sie sich einander in ihren Nöten zeigen, sich gegenseitig stärken und miteinander die heilenden und schützenden Übungen machen können, die sie in diesen Tagen gelernt haben. Der Ruf, nächstes Jahr wieder zu kommen wurde laut. Wir haben ihn gehört. Und, ja, wir kommen wieder.

Maria-Christina Eggers

Als Team waren Anna Gamma, Gabriele Geiger Stappel und ich, Maria-Christina Eggers aus der Schweiz und Deutschland gekommen. Mit uns war Srdjan Kosic aus Bosnien Herzegowina, einem der Knotenpunkte im Netzwerk Zen Zentren Offener Kreis. Mit seiner eigenen Geschichte als junger Soldat im Balkankrieg und seiner mitfühlenden Präsenz war er für alle wichtig. Er hat seine Sicht dieser Tage im folgenden Text zusammengefasst.

 

Angst im Paradies

Das ist ein wirkliches Paradies. Viele Pflanzen und Tiere, Wasser und Sonne. Alles! Und dazu die Menschen. Die Menschen haben keine Angst vor Pflanzen oder vor den Tieren. Sie haben auch keine Angst vor Taifunen und Erdbeben. Sie haben Angst vor anderen Menschen. Vor denen, die ihr Leben in der Hand haben, vor der Regierung. Mit uns waren in diesen Tagen Menschen, die es schwer haben und andere unterstützen, die es noch schwerer haben. Sie begegnen so viel Leid, dass sie nur schon vom Hören traumatisiert sind. Ihr Einsatz fordert sie, sich immer stark zu zeigen. Manchmal hilft eine Maske, hinter der die Gefühle gar nicht mehr spürbar sind. Aber diese Menschen sind wirklich sehr stark. Stark genug, um sich öffnen zu können, zum ersten Mal über ihre Situation zu sprechen und zu weinen. Weinen. Das hilft.

Gleichzeitig laufen in meiner Heimatstadt Banja Luka in Bosnien Demonstrationen gegen die Regierung. Nur sind wir noch nicht bereit zu weinen. Müssen wir wirklich das Ganze erleben, dass auch wir weinen können?

Die Tränen, die hier in den Philippinen in diesen Tagen geflossen sind, sind sicher eine Hoffnung für die Menschen hier. Ich frage mich: können wir Eins sein? Können diese Tränen auch uns in Bosnien helfen?  - Natürlich. Das sind die Tränen für die Menschheit, für jede und jeden. Tränen für die Mutter Erde.

Srdjan Kosic

Zurück

Teilen

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Delia Herting |

Danke für die Berichte.
Ich bin mit dem Herzen ganz bei euch.
Delia

Kommentar von Michael Heim |

Vielen Dank für euren Mut, euren Einsatz - und diese einfühlsamen Berichte. Möge die Saat dieser wertvollen Samen aufgehen - auf den Philippinen, in Bosnien - auf dieser Erde!
herzlich
Michael

Kommentar von Ruth Albiez |

Ich bin sehr berührt von den Berichten. "Das sind die Tränen für die Menschheit, für jede und jeden. Tränen für die Mutter Erde" - wie gut, konnten sie fließen. Danke!!!!