Kinhin in den Bergen

von Bernadette Vögele (Kommentare: 1)

Ich bin Ewigkeit

Ich bin ein Wandervogel – seit Kindsbeinen an – und gerne auch einmal alleine und vor allem in der Stille unterwegs. Kinhin in den Bergen schien also naheliegend und irgendwie vertraut.Dann aber tatsächlich zu acht schweigend eine zweitägige Tour zu machen, war nochmals etwas ganz anderes…

Wir trafen uns am 05. September in St. Jakob – zuhinterst im Isenthal. Eigentlich trafen wir uns natürlich schon in Flüelen am Bahnhof, denn für die Anreise mit öffentlichem Verkehr gibt's nur diese eine Variante. Die ersten Höhenmeter dienten dem Finden eines Platzes etwas abseits zur Sammlung und Vorstellungsrunde und einem ersten Impuls.
Schweigend machten wir uns schliesslich auf den Weg Richtung Gitschenhörelihütte. Anna hatte eingeladen, mit der Affirmation «Ich bin Weg» zu gehen.

Wir gingen still, jede und jeder in dem ihr entsprechenden Tempo. Ich setzte Fuss vor Fuss – "ich bin Weg". Im Gehen entfaltet sich der Weg unter meinen Füssen und in mir. Auch wenn ich sonst im Gelände unterwegs bin, gehe ich oft bewusst und achte darauf, wo ich den Fuss aufsetze. Mit der Affirmation gehend, wird die Berührung von Fuss und Boden mit jedem Schritt harmonischer. Nach und nach werden Weg und Ich Eins - ich bin Weg.

Bei einer ersten Rast liess uns Claudia an ihrer Weg-Erfahrung teilhaben: "Ich bin Weg – Weg zwischen Himmel und Erde." Gegen Abend und nach einem bedächtigen Aufstieg erreichten wir die Gitschenhörelihütte rund 1400 Höhenmeter über dem Ausgangspunkt. Wir hatten die Privathütte für uns allein und konnten uns COVID-konform einrichten. Dass der Steinadler zur Begrüssung ganz tief einige Kreise über unserem Lager zog, konnte nicht stimmiger sein. Nach dem gemeinsamen Abendessen feierte Claudia mit uns draussen eine christliche Liturgie. Die Abendstimmung, der kraftvolle Platz, die Stille des ausklingenden Tages, die Erhabenheit der umgebenden Berge verbunden mit der Feier berührte uns alle.

Am Sonntag machten wir uns im Morgengrauen, bei wechselnder Bewölkung und ziehenden Nebelschwaden auf den Weg Richtung Brunnistock.
Berge rühren Ewigkeit in uns an. So wählten wir für den Tag die Affirmation «Ich bin Ewigkeit». In zwei Dreierseilschaften stiegen wir über den Gletscher dem Gipfel entgegen. Der anbrechende Tag, die Lichtspiele von Sonne und Wolken über Eis und Fels, der stetige Schritt liessen mich die Zeit vergessen. Nach einem steilen Ausstieg aus dem Gletscher auf den Gipfelaufsatz war nochmals meine ganze Konzentration gefordert.

Ich setze Fuss vor Fuss und bin dabei auf der Hut, keinen losen Stein zu erwischen. Ich fühle mich etwas unsicher – eine mir vertraute Höhenangst will sich breit machen. Ich kehre zur Affirmation «ich bin Ewigkeit» zurück. Der Felsblock unter meinem Fuss - Berg - Ich sind Ewigkeit. Es gibt keine Trennung mehr - und damit ist auch meine Höhenangst weg.

Wir verweilten nur kurz aber still auf dem Gipfel: es stand ein langer Abstieg bevor und die Wetterprognosen hatten für den Nachmittag Niederschläge angekündigt. Genauso konzentriert ging es also zurück zur Hütte. Hier war Raum und Zeit für eine Austauschrunde vor dem Abstieg bei leichtem Regen zurück nach St. Jakob.

Die Erfahrung von Ewigkeit in Berührung mit dem Berg hat mich nachhaltig beeindruckt und bewegt. Die Verbundenheit blieb mir im Abstieg erhalten. Ich finde auch jetzt Zugang dazu in meinem Herzen. Ich bin dankbar für das Gehen in Stille mit der Sangha – einmal mehr berührte mich die Nähe, wie sie aus dem Schweigen entsteht.

Ein grosser Dank geht an Anna, Claudia und Regula, die die Idee dazu entwickelt und umgesetzt haben. Ihre fachkundige und einfühlsame technische wie spirituelle Begleitung haben diese Tour zu mehr als nur einer Wanderung in Stille, sondern eben tatsächlich zu einem Kinhin in den Bergen gemacht.

Zurück

Teilen

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Carsten |

Schön! Das werden wir auch in Südtirol machen!