Spirituell-politische Studienreise Nigeria Tag 3

von Bernadette Vögele (Kommentare: 0)

Aus Augenhöhe sehen

Wer unsere Reiseblogs regelmässig liest und mit uns unterwegs ist, hat vielleicht bemerkt, dass die Blogs der Nigeria-Reise mit Verzögerung aufgeschaltet werden. Zu unserer Sicherheit haben wir entschieden, mit dem Aufschalten der Blogs erst gegen Ende der Reise anzufangen. Wir sind inzwischen wohlbehalten und reich beschenkt wieder zuhause. Nichts desto Trotz wollen wir Euch an unseren Erlebnissen teilhaben lassen. So werden wir übers Wochenende die Blogtexte nach und nach aufschalten.

06.09.2017 - Was nehme ich mit aus diesem Tag? Mir begegnen so unterschiedliche Menschen wie Lebensentwürfe. Ich kann wütend, hoffnungs- und hilflos sein, darob, was ich glaube zu sehen. Im Moment heisst es Sehen und Wahrnehmen. Ich stelle mich innerlich immer wieder neben die Menschen, denen ich begegne und versuche, die Welt aus ihren Augen zu betrachten - und aus meinen:

Da ist der Salesman von Centenary City. Er preist das Grossprojekt für eine neue Stadt in Flughafennähe stolz und mit grossen Worten an. Sie soll als Freihandelszone die Region Abuja zum Blühen bringen. Ich sehe die wunderbare Landschaft, welche die Unternehmer den Bauern abgekauft haben. Sie wurden bereits umgesiedelt. Sie wussten nicht, was hier geplant ist - denn sonst hätten sie nicht so günstig verkauft. Einige hätten bestimmt nicht zugestimmt, überhaupt zu verkaufen, was das Ende des grossen Projektes bedeutet hätte. 12,3 km2… Ich weiss nicht, ob ich traurig oder wütend sein soll. Den Wunsch und das vermeintliche Recht, auch etwas vom grossen Kuchen abzubekommen, nachdem der Westen sich ja schon so grosszügig bedient hat, kann ich nachvollziehen. Und ich erkenne, auch das ist meine Sichtweise.

Nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt haben Annegret aus Deutschland und ihr nigerianischer Mann Sheikar nach ihrer Heirat vor gut 20 Jahren 18.9 ha Buschland gekauft. Sie haben nach und nach erst eine Farm und dann eine Schule für die lokale Bevölkerung aufgebaut. Keine Idylle sondern vor allem harte Arbeit. Die Konflikte mit den Wanderhirten, die ihre Kuhherden immer wieder auf Farmland weiden lassen, sind genauso Teil der täglichen Schwierigkeiten wie die Suche nach guten Lehrkräften. Genug Essen für alle, die hier leben oder zur Schule gehen, auf den Tisch zu bringen oder die Frage nach möglichen Einnahmequellen für sich und für die lokale Bevölkerung sind weitere Fragen. Eine Stiftung in Deutschland hilft finanziell mit, anders ginge es nicht. Annegret meint: „Gott scheint nicht zu wollen, dass wir zu viel haben…“. Ich wundere mich, wie sie alles bewerkstelligt. Beim Rundgang durch einen Teil der Farm und das Schulgelände glaube ich, zu erkennen, was es ist: eine grosse Liebe - zu dem, was Mensch-Sein heisst.

Im Restaurant von Christines Mann geniessen wir ein wunderbares Abendessen. Nach dem Essen findet Victor kurz Zeit, sich mit uns an den Tisch zu setzen. Er erzählt, wie schwierig es ist, in Nigeria ein gutes Lokal zu führen. Für qualitativ hochwertige Lebensmittel fehlen gesetzliche Vorgaben. Die Mitarbeitenden haben kaum Schulbildung. Sie können in der Küche wie im Restaurant jeweils nur eine Aufgabe lernen und übernehmen. Mehr zu verlangen, würde sie laut Victor überfordern. Manche erscheinen plötzlich nicht mehr zur Arbeit, weil sie einen anderen Job gefunden haben oder es ihnen doch zu anstrengend ist. In eine bessere Ausbildung der Mitarbeiter wird nicht investiert, die Gefahr, dass sie Weggehen und ihr Wissen mitnehmen ist zu gross. Ich kenne ganz selbstverständlich ein duales Bildungssystem mit dem Konzept der Berufslehre.

Ich werde heute Nacht die Augen zumachen. Wie ich schlafen werde, weiss ich nicht. Sicher ist, dass ich morgen weiterhin mit offenen Augen durch dieses Land gehen will.

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