Spirituell-politische Studienreise Nigeria Tag 2

von Karin Grütter (Kommentare: 0)

Empowerment statt Grossprojekte

Im Zentrum der spirituell-politischen Reisen stehen für mich immer die Begegnungen. So auch an unserem ersten Tag in Abuja, der auf dem Reissbrett entstandenen Hauptstadt Nigerias. Christine K., Direktorin der Heinrich Böll Stiftung in Nigeria, hat das Reiseprogramm für uns zusammengestellt, eine Aufgabe, die ich in den Versöhnungsreisen in Europa habe. Von da weiss ich, wieviel Arbeit dahinter steckt. Unser Programm beginnt, wie könnte es anders sein, in ihrem Büro. Die lokalen Mitarbeitenden, Ikenna Donald Ofoegbu, Chibueze Ebii und Deola Osinuga berichten von ihrer Arbeit, ihren persönlichen Erfahrungen und Visionen für ein nachhaltiges Nigeria:

Im Widerstand gegen das Super Highway Projekt, einem gigantischen Strassenbauprojekt, das Calabar im Südosten des Landes mit Benine State ganz im Norden verbinden soll. Dazu werden enorme Mengen Regenwald abgeholzt, fruchtbares Land vernichtet, Bäuerinnen und Bauern enteignet und ganze Dörfer umgesiedelt. Die HBST arbeitet mit lokalen NGO`s zusammen, welche die Menschen vor Ort informieren und unterstützen, ihre Rechte einzufordern. Diese Arbeit zeigt Wirkung: Das nationale Projekt wurde redimensioniert und noch immer ist offen, ob die Strasse tatsächlich gebaut wird. In einem anderen erfolgreichen Projekt verhilft die Arbeit der Stiftung 40 Bäuerinnen einer Kooperative zu einer zweiten Ernte im Jahr. Mikrokredite und ein mit Sonnenenergie betriebenes Bewässerungssystem führen nicht nur zu einem höheren Einkommen und einem besseren Leben der Familien, sondern auch zu einem Zuwachs an Selbstvertrauen und Glauben an die eigene Tatkraft. Dies fehle den Menschen hier oft, sind die Mitarbeitenden der HBSt überzeugt. Deshalb setzt das Team seine Energien lieber für kleinere Projekte zum Empowerment lokaler Gemeinschaften als für grosse Infrastrukturprojekte ein. Grosses Potential sehen die Mitarbeitenden in den vielen gut ausgebildeten Menschen im Land. Sinnvoll wäre die Förderung von Leadership-Fähigkeiten, damit die Entwicklung stärker von innen, von der lokalen Bevölkerung kommen würde. Die Begeisterung der Mitarbeitenden für ihre Projekte gibt Hoffnung. Sie lassen sich nicht von Schwierigkeiten wie der weit verbreiteten Korruption behindern. Mit viel Herzblut gestalten sie das Land mit, arbeiten an seiner Veränderung und verstehen sich selbst als Teil dieser Veränderung. Solche Begegnungen sind ein grosses Geschenk, sie verändern auch mich und hinterlassen Spuren, die mich in meinen Aufgaben stärken.

Bevor wir zu unserem nächsten Besuch aufbrechen, führt uns Christine zu einem grossen beschädigten Gebäude gleich hinter dem Büro. Die Redaktion einer Zeitung, die über einen Schönheitswettbewerb berichtet hatte, wurde vor wenigen Jahren Ziel eines der ersten Anschläge von Boko Haram. Damit sind wir schon mitten drin im Thema des Nachmittags. Wir treffen Mister James mit Frau und zahlreichen Kindern in einem Slum am Stadtrand. Die ganze Familie lebte bis vor drei Jahren in Goza und flüchtete dann nach Abuja. James lässt uns teilhaben an seiner bewegenden Geschichte: Von einem moslemischen Freund gewarnt, flüchtete er mitten in der Nacht. Er musste sein gut gehendes Geschäft zurücklassen und in Abuja ganz von vorne beginnen. Wir versuchen, zu verstehen, was da im Norden Nigerias vor sich geht, und wie es möglich ist, dass Moslems ihre ehemaligen christlichen Nachbarn töten und vertreiben. Wie kann es einer Terrorgruppe gelingen, soviel Gewalt zu säen? James ist trotz all dieser schrecklichen Erfahrungen nicht verbittert oder orientierungslos. Seine Kraft, so sagt er, ziehe er aus dem Vertrauen, von Gott geführt zu werden.

Auf der Rückfahrt zieht der afrikanische Alltag an uns vorbei: Junge Männer und Frauen auf knatternden Motorrädern, Straßenverkäuferinnen, die Esswaren anbieten, ein Pickup voll beladen mit Kühen und Ziegen, kleine Läden und Restaurants mit fantasievollen Namen und überall: Menschen in Bewegung. Ich bin überwältigt von den vielen Eindrücken und dem vollen Leben, das mir an diesem ersten Tag in Nigeria begegnet ist.

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