Inneres Ankommen

von Maria-Christina Eggers (Kommentare: 1)

Heute ist der Tag des inneren Ankommens. Der erste ganze Tag in der Wüste. Der erste Tag im Schweigen. Erstaunlich früh wird es schon hell. Wir sind im Morgenland! Um 7 Uhr gehen wir gemeinsam zu dem Platz im Freien, den einer der Teilnehmenden für uns ausgesucht hat. Stille, Weite umfängt uns, während wir der aufgehenden Sonne entgegengehen und uns zum Meditieren in den Kreis setzen.

In ihrem ersten Theisho spricht Anna über die Spiritualität der Wüste. Mit neuen Ohren hören wir hier die biblischen Texte. Moses in der Wüste. Jesus in der Wüste. Wir in der Wüste. In der Wüste offenbart Gott Moses seinen Namen: Ich werde sein, der ich sein werde. Oder: Ich bin, der ich sein werde. Wir lassen diese Worte in uns und für uns wirken. „Ich bin da“. Sagt Moses. Sagt Gott. Dieser Satz begleitet uns durch den Tag.

Hatten wir in den frühen Morgenstunden noch ein wenig Sonne, so bezieht sich bald einmal der Himmel. Im gelbgrauen Licht sitzen wir eingemummelt auf unserem Platz im Kreis. Das Kinhin – die Gehmeditation – wird für einige von uns plötzlich zu einem Sprint, weil der Wind die Matte, das leichte Kissen gerade davonträgt.

Für die schlichte Agape Feier mit Wein und Brot gehen wir heute ausnahmsweise in unseren Gruppenraum, durchgefroren wie wir sind. Wir verbinden uns mit all den Menschen, die heute der Kälte, dem Wind ausgesetzt sind, auf steinigem Boden, ohne Zuhause, auf der Flucht, unterwegs ins Nirgendwo.

Wir sind untergebracht an dem Ort in der Wüste, an dem Ben Gurion, der Staatsgründer Israels, begraben liegt. In dem Gästehaus halten sich auch mehrere Gruppen junger Israelis auf. Sie sind ausgelassen, scheinen ihr Zusammensein, ihre Zeit hier vor Ort zu geniessen. Wir treffen sie an im Speiseraum. Einige von ihnen tragen ein Gewehr. Auf dem Rückweg nach dem Abendessen läuft eine Gruppe junger Frauen vor uns her, fast noch Teenager. Zwei von ihnen haben lässig das Gewehr über die Schulter gehängt. Unsere letzte Sitzeinheit am Abend ist wieder im Freien. Der Wind hat sich ein wenig gelegt. Durch die Wolken bricht hin und wieder der Vollmond und beleuchtet unseren Kreis. In der Ferne hören wir die Partymusik der jungen Leute. Über uns dröhnen in kurzer Folge mehrere Düsenjäger. Wir meditieren in dieser letzten Stunde für die jungen Frauen und Männer weltweit, die Gewehre tragen, hergestellt zum Töten. Diese Last.

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Kommentare

Kommentar von Jürg Stiefel |

Ja, beim Lesen dieses Blogs tauchen bei mir ebenfalls eindrücklicher Bilder der Negev-Jerusalem-Meditationsreise aus dem Jahr 2010 auf. Es war eine spezielle und sehr eindrückliche Meditationsfahrung bei jedem Wetter in der Stille draussen zu sitzen und sich auf das So-Sein einzulassen. Alles Gute allen Reisenden, möget ihr mit eindrücklichen Bildern und Erfahrungen zurückkommen, die lange nachhallen werden. Herzlich Jürg

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