In der deutschen Sprache Heimat finden

von Zen Zentrum (Kommentare: 0)

Sie kommen aus Kirgistan, Kamerun, Äthiopien und dem Iran. Sie sprechen Kurdisch, Amharisch oder Persisch, schreiben in kyrillischen oder arabischen Buchstaben, einige von rechts nach links. Und sie sprechen Deutsch.
Sechs Frauen und ein Mann sind es derzeit, die einmal wöchentlich ins Zen-Zentrum Luzern kommen, um ihr Deutsch zu verbessern. Die beiden Kleingruppen haben sich innert kürzester Zeit gefüllt. Die Lernenden sind wissbegierig, denn sie alle möchten hier, in diesem neuen Land, ein aktives Mitglied der Gesellschaft sein. Möchten sich mit ihren Schweizer Nachbarinnen und Nachbarn verständigen können, möchten das Schulsystem ihrer Kinder verstehen, möchten ihren Lebensunterhalt verdienen. Gerade letzteres ist ohne solide Deutschkenntnisse – viele Arbeitgeber verlangen für eine qualifizierte Tätigkeit mindestens Sprachniveau B2 – nahezu unmöglich. Einige der Lernenden sind auf Arbeitssuche, andere bereiten sich auf eine Ausbildung als Spielgruppenleiterin oder als Sozialpädagogin vor. Wieder andere dürfen nicht arbeiten, weil sie keinen geregelten Aufenthaltsstatus haben. Umso mehr schätzen sie den Unterricht im Zen-Zentrum.

Dabei geht es nicht nur um die richtige Verwendung des bestimmten oder unbestimmten Artikels, um Steigerungsformen des Adjektivs oder um die korrekte Wortposition im deutschen Nebensatz. Zur Sprache kommen auch das Heimweh nach der vertrauten Umgebung, die zermürbende Stellensuche oder die Tatsache, dass einer Frau, die von Nothilfe lebt, die Wohnung gekündigt wurde. Angesichts solcher Geschichten verblasst die Bedeutung des Genitivs, werden Plusquamperfekt und Konjunktiv II für einen Moment irrelevant.

Dennoch wird im Unterricht auch viel gelacht: Über die eigenen Fehler etwa, über die Unlogik der deutschen Grammatik, welche die drei Geschlechter so ganz willkürlich und keineswegs gendergerecht verteilt, oder über die Schwierigkeit, im Erwachsenenalter Velo fahren zu lernen. Es berührt mich jedes Mal, mit welcher Freude die Lernenden kommen, und mit welcher Dankbarkeit sie wieder gehen. Ihr Lernhunger ist immens, und das gemeinsame Teilen der Stolpersteine, die das Schweizer Asylgesetz ihnen in den Weg legt, schweisst die Gruppe ebenso zusammen wie das Meistern der richtigen Verwendung von Akkusativ und Dativ.

Im Zen-Zentrum werden wir immer sehr freundlich empfangen, sei es im Gruppenraum oder in der Wohnstube. Auch das ist ein wichtiger Rahmen, um in der Schweiz und in der deutschen Sprache ein wenig heimisch zu werden.

Sylvia Stam

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