Holocaust Gedenktag 2

von Maria-Christina Eggers (Kommentare: 2)

An diesem Morgen (5. Mai) ist alles ganz still. Es ist Freitag, der heilige Tag der Moslems. Kein Laut kommt aus den umliegenden Altstadtgassen im muslimischen Quartier von Jerusalem. Gestern, am Holocaust Gedenktag war das ganz anders. Erstmals habe ich das landesweite Heulen der Sirenen von einer Terrasse im muslimischen Teil gehört. Kinder spielen lärmend Ball auf dem Pausenhof. Händler rufen, Autos drängen sich in der engen Gasse hupend aneinander vorbei. Ich weiss, dass im jüdischen Teil jetzt alles still steht und schweigt. Wie verloren hängt das Auf und Ab der Sirenen über der Stadt. Zwei Realitäten, zwei Identitäten prallen aufeinander.

 

Dann, am Nachmittag, unsere vierstündige Feier zum Holocaustgedenken. Das ökumenische Bibelinstitut in Tantur hat uns grosszügig den Saal zur Verfügung gestellt. 80 Personen sind gekommen, überwiegend jüdische Israeli. Im Team sind zwei Jüdinnen, eine Palästinenserin und ich. Zu Beginn erzählt jede von uns aus ihrer Familiengeschichte und welche innere Entwicklung uns dahin brachte, dass wir jetzt hier zusammen sitzen. Die Geschichten werden mit grosser Offenheit aufgenommen. Betroffen machen die Parallelen, die Verwobenheit der Geschichten, das Ineinander von Opfer und Täter.

 

Das ist der Kern dieser Feier. Wir wollen nicht im reinen Gedenken stecken bleiben, sondern über das Opfer sein – oder schuldig sein hinaus die Gegenwart sehen und für die Zukunft Verantwortung übernehmen. Dazu sind die Texte von Etty Hillesum, die den roten Faden bilden, eine grosse Hilfe. Mitten im Holocaust schreibt sie: „Ich weiss, dass danach wieder andere, humanere Zeiten kommen werden. Ich möchte so gern am Leben bleiben, um all die Menschlichkeit, die ich trotz allem, was ich täglich mitmache, in mir bewahre, in diese neuen Zeiten hinüberzuretten. Es ist die einzige Möglichkeit, die neue Zeit vorzubereiten, indem wir sie jetzt schon in uns vorbereiten. Ich würde gern am Leben bleiben, um die neue Zeit vorbereiten zu helfen und das Unzerstörbare in mir für die neue Zeit aufzubewahren, die sicherlich kommen wird.“

 

Im Nahostkonflikt ist es schwer, an die neue Zeit zu glauben, die sicher kommen wird. Doch dieser Glaube und diese Verantwortung ist es, die in den gemeinsamen Stunden unter uns wächst, die Herzen öffnet und uns vereint. Dankbar nehmen wir die Atmosphäre einer wachsenden Zärtlichkeit wahr. Und Dank an alle da in Europa, die sich an diesem Tag mit uns verbunden haben!

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Kommentare

Kommentar von Christina |

Liebe Maria Christina
ich bin dir und euch verbunden -- gestern , heute und auch während der Bosnienreise. Ich bin zutiefst überzeugt, dass das Raum halten in uns, in jedem einzelnen und auch in Gruppen ein Feld schafft, wo es irgendwann mehr Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Erde gibt. Auch bin ich überzeugt und erlebe es in meinem Alltag, besonders beim Arbeiten mit Menschen: Babys und Mütter, Frauen, Kinder und Männer , dass das, was wir in unserer Geschichte anschauen , durchleiden (müssen?) und in Frieden kommen; andere Menschen unterstützen und auch motivieren kann. So bin ich dir und jedem einzelnen von euch zutiefst dankbar für diese innere Arbeit und das öffentliche Bezeugen. Herzliche Grüsse Christina

Kommentar von Weiss Elisabeth |

Danke für die eindrücklichen Berichte. Es gibt immer eine besondere Verbundenheit, in einem Land zu sitzen für Menschen die im gleichen Moment in einem anderen Land grossem Leiden gedenken.
Das ist das was wir alle tun können!

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