Heilungs- und Versöhnungsreise nach Riga (Lettland) Tag 4

von Zen Zentrum (Kommentare: 0)

Tiefen und Höhen

Nach unserem gestrigen ganz besonderen Weg zur Gedenkstätte im Wald von Bikernieki sind wir heute bildlich gesprochen noch einige Stufen tiefer gestiegen. Die Erfahrungen im ehemaligen Gebäude des sowjetischen Geheimdienstes brachten uns in unmittelbare Berührung mit dem Grauen des ausgeklügelten Systems der Überwachungsmethoden der Sowjets. Während der Okkupation von 1940 bis 1941 und von 1944 bis 1990 brachten sie Menschen, bei denen oft nur ein geringer Verdacht bestand, das herrschende Regime zu kritisieren oder zu destabilisieren, in dieses Haus. Die Art der Verhöre war qualvoll, die Unterbringung in den Gefängniszellen unerträglich und entwürdigend, die zahllosen Erschießungen unfassbar. Dazu die Massentransporte nach Sibirien…

Worte reichen einfach nicht aus, um diesen Horror zu fassen. Und doch hat uns eine junge Frau durch das Haus geführt und begleitet und dabei für all den Schrecken angemessene Worte gefunden. Sie vermittelte uns ihr tiefes Anliegen, die hier gequälten Menschen nicht zu vergessen. Das heikle Thema - wer waren die Täter, wer waren die Opfer - hat sie nicht ausgespart. Es gab auch lettische Kollaborateur:innen.

Es war gut, während und nach der Führung unsere Verbundenheit und unsere Betroffenheit in der Gruppe zu erleben. Die Rituale helfen, Sorge zu tragen für unseren Schutz und zugleich unsere eigene und gemeinsame Herzenskraft zu spüren. Wie schon in den Tagen zuvor war es wichtig, sich sowohl dem Licht wie auch dem Finsteren in uns zuzuwenden. Beides gehört zum Menschsein.

Am Nachmittag haben wir mit einer Programmanpassung und dem Besuch des Rigaer Kunstmuseums einen glücklichen Perspektivenwechsel gefunden. Allein das Gebäude mitten in einem Park war bezaubernd schön. Die lettischen Kunstwerke aus den letzten 2 Jahrhunderten zeigten auch schöne und unbeschwerte Seiten aus dieser Zeit.
Der Weg führte uns anschliessend zum Freiheitsdenkmahl im Zentrum von Riga. Erstaunlicherweise hatte es die deutsche und die sowjetische Besatzungszeit überdauert. Das Umrunden dieser in den Himmel ragenden weiblichen Gestalt haben mir den eigenen körperlichen Innenraum geweitet und aufgerichtet. Und unser gemeinsames Singen hat wieder Lebensfreude aufkommen lassen.

Bärbel, Österreich

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