Heilungs- und Versöhnungsreise nach Riga (Lettland) Tag 3

von Zen Zentrum (Kommentare: 0)

Des-Orientierung...?

Nach den Morgenritualen gehen wir zurück zur Lutherkirche, um die dort anno 1944 gefallenen Soldaten zu würdigen - auch sie sind Opfer. Es tut mir gut, endlich eine Kerze für meinen Großvater anzuzünden, der als junger Mann und Vater in den ersten Monaten des ersten Weltkriegs gefallen ist. Während ich seinen Namen ausspreche, höre ich neben mir viele andere Namen: Sergej, Klaus, Alexander, Yannis, Rudolfi… sie stehen für Lebensschicksale, die grundverschieden und doch in gewisser Weise ähnlich sind.

Auf dem Weg bei Regen zu unserem nächsten Ziel, der Gedenkstätte im Wald von Bikernieki, verirren wir uns beinahe. Ich fühle mich den Menschen nahe, die auf der Flucht die Orientierung verlieren.

Endlich beim Mahnmal angekommen, treffen wir auf eine grosse Zahl von Stelen aus dunklem Granit. Sie erinnern an die Verbrechen, die von 1941 bis 1944 von der deutschen Sicherheitspolizei und deren freiwilligen, lettischen Hilfskräften in diesem Waldstück begangen wurden. Rund 35 000 Menschen, lettische und westeuropäische Juden und Jüdinnen, politische Gegner und Gegnerinnen des NS-Regimes, sowjetische Kriegsgefangene und psychiatrisch erkrankte Menschen wurden hier erschossen und in Massengräbern verscharrt.
Auf einem der Gräber legen wir unsere Schals zu einem Kreis, schmücken diesen mit Blumen und zünden Kerzen an. Wir singen Abend- und Wiegenlieder, die vermutlich auch viele der hier ermordeten Menschen kannten.

Am Abend merke ich, dass ich das Entsetzliche, die Dunkelheit von Bikernieki nicht fassen kann. Wie leben damit? Ein Bild steht mir vor Augen: Die wunderschönen Kiefern im Wald von Bikernieki. Hochgewachsen stehen sie im sandigen Boden - aufrecht und würdevoll. Zwischen den Bäumen wächst dichtes Grün: Farne, junge Baumschösslinge, kleine lila Glockenblumen auf frisch-grünem Moos, leuchtend und voller Zauber. Eines, der uns täglich begleitenden Lieder tröstet mich:
«A flower and a tree  are showing me another way to see, a simple way to be, to live with the darkest side of me…»

Ulrike, Deutschland

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