Eine moderne Weihnachtsgeschichte

von Zen Zentrum (Kommentare: 0)

Sechs Jahre Tätigkeit in einem hellen, ruhigen Atelier in einem Multi-Kulti Quartier in Bern liegen hinter mir. Was ist geschehen? 
Es ist ein ganz normaler Tag, nichts Spezielles, kein Besuch, einfach arbeiten an der Staffelei. Die Worte ‚raus aus der Komfortzone’ sind schon länger in mir wach. Sie können nicht mehr verdrängt werden. Die Worte nagen an mir. Ja, er ist klein und fein dieser Arbeitsort, der mich nährt, mich glücklich macht. Er ist Geburtshaus meiner Bilder und Ort der Auseinandersetzung mit Klienten und mit mir. Alles ist im grünen Bereich. Bequem, unspektakulär, verwöhnt.
Fragen tauchen auf: was macht mich glücklich dabei? Was, wenn ich weg bin, wenn der Raum leer ist? Darf es sein, soviel Bequemlichkeit für sich zu beanspruchen?
Es fühlt sich an, wie eine kleine Revolte. Etwas in mir will raus in die Auseinandersetzung mit der Welt. Die nährende Arbeit, diese friedliche Stimmung soll anderen zugänglich werden. Wem?
Wie das so ist, fügt sich das eine zum andern. Ich lerne eine Flüchtlingsfrau kennen, die ganz in meiner Nähe in einem Flüchtlingscamp wohnt. Wir befreunden uns. Mit ihr entsteht die Vision einer gemeinsamen Wohnung, wo sie ein eigenes Zuhause erleben darf und ich meinerseits mein Atelier integriere. Für Flüchtlinge ist die Zusage zu einer eigenen Wohnung faktisch unmöglich, da sie nur über sehr geringe finanzielle Mittel verfügen und meistens wegen ihrer Herkunft von den Vermietern nicht wohlwollend aufgenommen werden.
Die Wohnungssuche ist anstrengend. Ich lerne viele Schattenseiten unserer Gesellschaft kennen, denn es ist mir ein Anliegen von Anfang an transparent zu sein und die Untervermietung dem Vermieter mitzuteilen. Das stösst ganz selten auf offene Ohren. Wir brauchen ja nur zwei davon. Ja, es braucht Ausdauer und Hartnäckigkeit. Ein Vermieter ist hellhörig. Unser Projekt gefällt ihm. Nur, die Miete ist zu hoch. Ich muss dieses Glück loslassen. Ich bin traurig.
Wie bei einem Dominospiel kommt der nächste Stein auf mich zu. Ein Freund bietet mir eine 20%-Stelle an – wie schon häufig in meinem Berufsleben, das ich vor 3 Jahren freiwillig aufgegeben habe, geht es um eine Allrounder Administrationsstelle. Wenn ich also diese Stelle annehme, kann ich auf das Angebot zurückgreifen, sofern die Wohnung noch frei ist. Das Dominospiel geht weiter. Die Stelle nehme ich an, die Wohnung kann gemietet werden - sie wartete - und das Projekt nimmt einen wichtigen Schritt.
Ein neuer Abschnitt beginnt: das Durchlaufen der Behörden, um meine Freundin als Untermieterin aufzunehmen. Und wieder lerne ich eine Welt kennen, die mir bisher verborgen blieb. Wenn A und B nicht miteinander kommunizieren, wenn alle ungenaue Angaben halbherzig weitergeben, wenn Hilfe für die einen zu einer mühsamen Last werden, weil es bequem ist, wenn alles immer gleich läuft....
Was ich lerne? In allem Tumult ruhig zu bleiben, das Unbequeme willkommen zu heissen, wahrzunehmen, was gerade ist, ohne zu urteilen. Im Innern immer wieder den Satz vor mich zu sehen: „ich weiss es nicht.“
Was ich dazu brauche? Stille. Ruhe. Ein Kissen. So finde ich neu Kraft, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen und Schritt für Schritt weiter zu gehen.
Das alte Atelier ist gezügelt. Kaum bin ich am neuen Ort eingerichtet, meldet sich eine neue Person, die begleitet werden will. Ein weiterer Dominostein reiht sich ein.
Die Bewilligung ist eingetroffen. Die Flüchtlingsfrau darf aus dem Camp in das Zimmer umziehen. Die Räume füllen sich mit neuem Leben, aus der Küche werden schon bald Düfte aus einem anderen Kulturkreis meine Nase kitzeln. Schön.
Ich bin überzeugt, dass die bisherigen Erfahrungen sich in meinen Bildern zeigen werden. Soviel Herzblut, soviel Energie und soviel erschreckende und unverständliche Situationen, wie ich sie in den letzten Monaten erlebt habe, hinterlassen Spuren. Kommt der Gedanke: „und was jetzt?“, dann spüre ich, was auch immer kommt, mein 'raus aus der Komfortzone’ wird belohnt. Ich bin reich beschenkt.
N. G.

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