Die Stille im Alltag

von Zen Zentrum (Kommentare: 0)

„Spalte ein Stück Holz und ich bin da. Hebe einen Stein auf und du wirst mich finden“.
(Thomas Evangelium)

Viele, die Zazen praktizieren, wissen, wie schwierig es ist, die Stille aus dem Zendo in den Alltag zu integrieren. Kaum ist das Sesshin vorbei, nehmen E-Mails, Fahrpläne und Todolisten rasch wieder überhand. Wir lassen sie überhand nehmen. Was in klösterlicher Abgeschiedenheit leicht fällt, wird im Alltag zwischen Arbeit, Haushalt und Engagements zerrieben. Kann es gelingen, Sitzen und Denken und Tun miteinander zu verbinden - oder so ineinander zu verweben, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob ich sitze oder tätig bin?
Als ich mich zur Zen-Praxiswoche anmeldete, befand ich mich in einer Phase des Umbruchs. Etwas Neues wartete darauf, Gestalt anzunehmen. Es war aber noch nicht zu greifen. Eine angespannte Unruhe lauerte in mir. Ich hatte das Gefühl, ich sollte in jedem Augenblick etwas anderes tun, als ich tatsächlich tat - nur wusste ich nicht was.

Der Tag beginnt um 6.30 Uhr mit Sitzen und endet um 21.00 Uhr mit Sitzen. Sitzen, Frühstück, Kochen, Sitzen, Mittagessen, Spazieren, Putzen, Sitzen, Abendessen, Sitzen - das ist der Rhythmus dieser Tage. Ora et labora. Am Vormittag bleiben rund 2 Stunden für ein eigenes „Projekt“. Mein Projekt heisst: Klarheit über meine Neuorientierung gewinnen. 2 Stunden pro Tag dafür kommen mir wenig vor. Und dann 3-4 Stunden Hausarbeit!

Zu Hausarbeit habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis. Ich habe meine Mutter viele Stunden putzen sehen - ohne Lohn, ohne Dank, ohne Anerkennung. Putzen verbinde ich mit der Verbannung von Frauen ins Haus, mit Geringschätzung und Abwertung. Ich wollte nie in dieselbe Falle tappen, und deshalb gab es bereits in meinen ersten WGs während des Studiums taffe Verhandlungen um die Verteilung der Hausarbeit. Und nun sollte ich also jeden Tag putzen. Mein Mann lacht, als ich am Telefon davon erzähle. Ich räume Schränke aus und wische Staub, putze Toilettenanlage, sammle Abfall in öffentlichen Parks, stelle Oryoki Schalen zusammen, jäte den Patio-Garten. Doch etwas ist anders: In diesem Kontext ist Hausarbeit nicht abgewertet. Es wird kein Gerechtigkeitskampf an ihr ausgetragen. Sie ist einfach gelebte Praxis. Sie ist körperlich, sichtbar, greifbar, konkret. Sie verbindet mich mit den Dingen, die ich sauber mache. Ich sammle Blätter vom Kies des Patio-Gartens. Müde und befriedigt schaue ich nach zwei Stunden auf das Ergebnis. Die Ordnung der Dinge strahlt auf mich zurück, als würde ich mit dieser Arbeit auch in mir aufräumen.

Einmal beschwere ich mich, das ich die aufgetragene Arbeit nicht in den zwei Stunden bewältigen kann und nicht „fertig werde“. Die Rückfrage: Und wenn es gar nicht darauf ankommt? Was ändert sich, wenn du sagst: Das Universum entwickelt sich unablässig und ich bin Teil dieses Prozesses von Werden und Vergehen. Wozu sollte ich da „fertig“ werden wollen? Ich schliesse die Tür des Patio und sehe wie ein Blatt auf das frisch gereinigte Kies-Bett fällt …

Zwischen der tiefen Stille des Zendo, in dem wir oft nur zu viert sitzen, und dem Tätigsein nimmt mein Projekt Gestalt an. Eher: Es tritt daraus hervor. Es ist, als legte ich in den 2 Stunden, in denen ich jeden Tag daran arbeite, Antworten frei, die bereits da waren. Nur verschüttet und unentdeckt. Es fühlt sich leicht an. Mein Geist ist fokussiert und ruhig.

Ich bin getragen von der Stille und wirksam in der Welt.

Dorothee Braun

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