Internationales Pfingsttreffen in Bosnien-Herzegowina

von Zen Zentrum (Kommentare: 0)

Ein Netzwerk von Offenen Kreisen

Wir sind im Hotel in der Nähe der kleinen Stadt Laktasi. Da ist ein wunderbarer Sitzplatz, um diesen Blog zu schreiben. Eine in den Felsen gehauene Terrasse. Im Blick der breite kräftig strömende Fluss. In den Ohren sein Rauschen. Der Wind bewegt die Weidenzweige am Ufer und streichelt die Haut. Ein Moment im JETZT.

Wir, d.h. Anna Gamma, mit einer Gruppe aus ihrer Sangha und aus dem Katharina-Werk, auch Familien mit Kindern, sind eingeladen bei Menschen, die einen weiteren Netzwerk-Knoten im „Netzwerk von Offenen Kreisen“ bilden. Unsere Gastgeber, das Ehepaar Lena Jäggi-Kosic und Srdjan Kosic verwirklichen hier in Bosnien-Herzegowina einen Traum. Zusammen mit drei engagierten Frauen und einem Mann haben sie die „Agora“ gegründet, eine Genossenschaft mit den Schwerpunkten der Permakultur und des Vertriebs lokaler Produkte vor Ort. Auch Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung sind vorgesehen. In einem schlichten Holzhaus mitten in der Natur – einer „gestalteten Wildnis“- treffen wir uns in diesen Tagen. Auf unserem Programm stehen Evolution, Landart, Zen Meditation, verschiedene Workshops, persönlicher und inhaltlicher Austausch, Liturgie, ein Fest und ein Heilungskreis für tiefe, aus Kriegen entstandene Wunden.  Mit Unterstützung von Anna bildet sich um Lena eine Sangha, die mit dem Zen Zentrum in Luzern tief verbunden ist.

Vor etwa zwei Jahren trug Anna die Idee, ein internationales Netzwerk von Offenen Kreisen zu knüpfen, in die interreligiöse Basisgruppe des Katharina-Werks hinein (eine ökumenische Gemeinschaft mit interreligiöser Ausrichtung). Die fünf Mitglieder nahmen den Vorschlag begeistert auf und setzten ihn um mit einem ersten Treffen über Pfingsten in Schlehdorf/ Bayern und nun dem zweiten in Bosnien-Herzegowina.

In diesen reichen Tagen üben wir, ganz präsent - in der Gegenwart zu sein. Nicht nur der Blick auf den Fluss holt uns ins JETZT. „Gleichzeitigkeit“ ist ein Wort, das mehrmals im Austausch auftaucht. Und tatsächlich erleben gerade wir Mitglieder des Katharina-Werks ein selten deutliches Eins-Werden von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Viele uns vertraute Schwerpunkte der katharinischen Spiritualität leuchten auf. Dazu gehört zentral das Erwachen eines evolutiven Bewusstseins, in dem wir uns als Teil eines schon Milliarden Jahre andauernden Entwicklungsprozesses sehen, den wir in uns tragen und auf den wir mit Blick auf die Zukunft Einfluss nehmen können.

Geschichte haben wir auch mit den Menschen, die hier sind. Lena ist eine junge Pfarrerin aus der Schweiz. An einem der internationalen Peace Camps des Katharina-Werks, die Pia Gyger als Leiterin der Gemeinschaft anlässlich des Balkankrieges 1991 initiierte, lernte sie Srdjan aus der Serbischen Republik kennen. Er hatte als Soldat in diesem Krieg gekämpft. Sehr schnell wurden sie sich ihrer Berufung zueinander bewusst und heirateten. Jetzt teilen sie mit uns, was bei ihnen über die Jahre gewachsen ist, und unsere Wege verbinden sich wieder.

Einen Akzent setzt in diesen Tagen auch Srdjan, der gestaltender Künstler ist. In der grünen Wildnis um das Haus herum haben die Schafe einen Pfad ausgetreten. Seine Idee: dieser Pfad könnte deutlich sichtbar gemacht und ausgestaltet werden als „Kinhin-Weg“ für die Gehmeditation zwischen zwei Sitzeinheiten im Zen. Alle gehen freudig an die Arbeit im Freien, viel Kreativität entwickelt sich. Beim abschliessenden Fest mit Liedern und Tänzen sagt Srdjan mit Blick auf diesen Pfad: „Ihr reist ab. Aber etwas von euch bleibt hier. So findet ihr etwas von euch, wenn ihr wieder kommt.“

Auf dem Pfad haben wir auch Scherben eingesammelt. Interkulturelle Begegnung kostet Anstrengung und kann aus Unwissenheit zu Verletzungen führen. Es kann auch Scherben geben. Wichtig aber ist - in dem sind alle sich einig – „wir lassen uns nicht“. Es gibt kollektiv in diesem Land Schlimmeres als Scherben, tiefe und noch  nicht geheilte Wunden, seelisch und materiell. Die unglaubliche Weite und Schönheit des Landes täuscht nicht über den Schatten hinweg, den der Krieg hinterlassen hat. Unser gemeinsames Anliegen ist, unseren Beitrag zu leisten zu einer Gegenwart und Zukunft der Verständigung und Verbundenheit – der Freude aneinander und an unserer Verschiedenheit. Warum soll es nicht mit einem Pfad beginnen, den Schafe ausgetreten haben?

Maria-Christina Eggers

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