Bosnien 2016 - Tag 4

von Bernadette Vögele (Kommentare: 1)

Verbunden ohne Pass

Verbunden ohne Pass über nationale Grenzen und weite Distanzen

Unser Morgenritual hat Tradition: gemeinsames Zazen und Frühstück im Schweigen. Heute stossen erstmals auch Frauen aus der Gruppe um Helen zu uns.
In der Wir-Runde schwingt die Grösse des gestrigen Tages nach – grosse Dankbarkeit, immer wieder ZeugInnen sein zu dürfen, ist spürbar. Die Einweihung von Helen’s Zendo und die Verbindung über Grenzen hinweg auf Herzebene haben berührt. Dass so viele Menschen mit einer spürbaren Neugier und dem Willen, etwas mitzunehmen zum Vortrag über die Macht der Stille gekommen sind, bewegt und plötzlich legen nicht mehr nur wir Zeugnis ab, sondern auch uns bisher fremde Menschen für uns.

Der heutige Tag ist unserer aktuellen Umgebung gewidmet. In ihrer lebhaften und starken Sprache bringt uns Helen die Geschichte Bosniens näher. Für uns Westeuropäer ist schwer verständlich, wie eine Jahrhunderte alte Geschichte das Verhalten bis in die heutige Zeit prägen kann. Wie kann es sein, dass der vermeintliche Nachbarschaftsmord von vor 500 Jahren die Beziehung zu meinem Nachbarn heute noch belastet? Warum verrate ich meine Sippe, wenn ich mit dem Nachbarn einer anderen Ethnie eine freundschaftliche Beziehung pflege? Hier wirkt ein anderes Bewusstsein als uns vertraut ist. Das Kollektiv einer ganzen Ethnie beeinflusst das Verhalten eines Einzelnen. Lange Jahre der osmanischen und später der österreichisch-ungarischen Besetzung wie auch immer wieder Kriege haben Spuren hinterlassen und die Menschen geprägt. Mit der Meditation können wir ihnen vielleicht ein Instrument an die Hand geben, dass bei der Überbrückung von Abgründen hilfreich sein kann. Von ihnen wiederum können wir altes Menschheitswissen, das bei uns nicht mehr so stark zum Ausdruck kommen darf, wieder erlernen. Das mag auch ein Aspekt der Kraft sein, die uns gestern so berührt hat.

Am Nachmittag besuchen wir das von Valentina gegründete Zentrum, das wir schon im September kennengelernt haben. Inzwischen unter der Leitung von Vanja geht die Arbeit mit Kindern und jungen Eltern weiter. Ein neues Projekt im Bereich Jugendarbeit dient dem Überwinden von Mustern, in denen Konflikte oft mit verbaler oder physischer Gewalt ausgetragen werden. Ein von den Kindern vorgetragenes Gedicht und ein Geburtsagslied für Karin gehen zu Herzen – Kinder sind hier wie überall die Zukunft. Seit letztem September ist hier auch ein Zendo entstanden, in dem regelmässig meditiert und Lichtheilung praktiziert werden. Das „Zimmer der Stille“ dient tagsüber den Kindern als Ort der Stille. Inzwischen besteht auch hier eine Meditationsgruppe „Kinder mit Erwachsene“. Da Anna und ich in Luzern die Meditationen mit Kindern und Erwachsenen leiten, ist es für mich eine grosse Freude, auch hier mit Kindern und Erwachsenen sitzen zu dürfen und die Verbindung ohne Pass über Grenzen und Distanzen zu erfahren. Es ist ein Geschenk mitzuerleben, wie sich die Kinder auf die Meditation einlassen und Augenblicke tiefer Stille entstehen.

Bernadette Vögele

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Kommentare

Kommentar von Huez-Galli Ursula |

Liebe Anna, lieber Gerhard, liebe Bernadette
liebe Helen, lieber Srdjan, liebe Sangha-Frauen
Es ist schön, dass Ihr mich an Euren vielen schönen
und eindrücklichen Erlebnissen teilhaben lasst.
Danke.
Irgendwie sehe ich in euren Berichten eine Aehnlich-
keit mit den Reisen des Paulus und seinen Gemeinde-
Gründungen im Neuen Testament.
Mit herzlichen Grüssen nach Bosnien
Ursula Huez-Galli

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