Abschiedzazenkai? Aufbruchzazenkai!

von Zen Zentrum (Kommentare: 0)

Der Tag begann kühl und regnerisch, klarte um die Mittagszeit auf und erstrahlte im Sonnenschein, als wir am neuen Ort ankamen. Damit wäre das Wichtigste eigentlich schon gesagt, wenn sich dieser besondere Tag darauf reduzieren liesse.

Das Zazenkai begann wie gewohnt im RomeroHaus. Das Aussergewöhnliche stand uns noch bevor: es sollte am Nachmittag im neuen Zen Zentrum im Tribschenquartier fortgesetzt werden. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern herrschte eine erwartungsvoll, freudige Stimmung. Der Abschied vom RomeroHaus wurde auf dieselbe Art gewürdigt, wie die Eröffnung des vor acht Jahren von Anna Gamma und Gerhard Hüppi gegründeten Interreligiösen Meditationszentrums: mit Stille, im Sitzen auf dem schwarzen Kissen.

Wir waren bereits zum Aufbruch gerüstet, als Anna uns über den weiteren Ablauf informierte und auf die Bedeutung des bevorstehenden Schrittes hinwies. Die Stimmung wurde feierlich, wir würden den Umzug im Schweigen und in Meditation begehen. Wir wurden zu Teilnehmenden an einem Übergangsritual, noch dazu an einem öffentlichen. Die mit Sitzkissen, - matten, Instrumenten und Symbolgegenständen gefüllten Tragtaschen unterstrichen dessen Bedeutung. Schweigend gingen wir im Regen zur Schiffstation. Unterwegs die Blicke von Passanten, welche die Gruppe dunkelgewandeter Menschen, die von einer Frau mit einem Holzstab angeführt wurde, musterten und wohl nicht zuzuordnen vermochten. Solchen Blicken war ich in all' den Jahren der Meditation noch nie ausgesetzt gewesen. Mit diesem Abschied war das Heraustreten aus dem Schutz eines mächtigen kirchlichen Bildungshauses verbunden.

Die Fahrt über das Luzerner Seebecken war regenfrei und fand unter einer hohen Wolkendecke mit spektakulärer Sicht auf die Berge statt. Da, auf dem Wasser vollzog sich eine weitere Veränderung: auf einmal wurde klar, dass diese kurze Reise Auswirkungen auf jedes einzelne Sanghamitglied haben würde. Da, auf dem Wasser unter dem bewegten Himmel, im Zwischenraum zwischen dem Alten und dem Neuen, vertiefte sich das Schweigen zur Andacht.

Auf der anderen Seeseite ging es wider Erwarten nicht dem beschaulichen Seeufer entlang. Anna Gamma wählte den direkteren Weg über 's Bahnhofgelände zur Tribschenstadt, über den Marktplatz sozusagen.

Das neue Zenzentrum unterscheidet sich von aussen nicht von den anderen Neubauten der Umgebung. Der Zauber beginnt beim Betreten der Räumlichkeiten: sie sind schlicht und schön, die Gestaltung zurückhaltend und klar. Seltsamerweise ist das Neue und Ungenutzte im Zendo nicht spürbar; der Raum scheint eine Geschichte zu haben. Wie üblich hat das Zendo keine räumlichen Unterteilungen. Gleichwohl werden darin Liturgien gefeiert, gegessen, Reisschalen gewaschen und Gottesdienste abgehalten. Der Raum scheint den Abstand zwischen den Menschen zu verringern und wird damit die Tätigkeiten, welche darin stattfinden, mitgestalten. Die Zenmeisterin versammelt ihre Sangha beim Teisho um sich, die Priesterin oder der Priester sitzt bei der Feier unter den Menschen. Es ist ein sakraler Raum, der zur Stille und Einkehr einlädt. Anna hatte Neuerungen angekündigt; eine wurde bereits umgesetzt: im Dokusan Raum sind zwei goldene Kissen anzutreffen; zwei Meisterkissen: eins für die Meisterin und das andere für ihr Gegenüber. Eine kleine farbliche Veränderung von grosser Wirkung und nachhaltiger Irritation. Eine kurze Reise, welche die gewohnte Ordnung auflöste und in Bewegung brachte. Der Umzug des Zenzentrums ist mehr als ein Ortswechsel. Er ist ein Verlassen der gewohnten Ordnung ins Unbekannte, wo Neues und Altes sich neu verweben werden: ein Aufbruch eben.

Romana Hüsler

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